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Polizeipräsidium und Kriminalpolizei nach dem Krieg

Noch im April 1945 setzte die französische Militärregierung mit Karl Weber einen neuen Polizeipräsidenten für Stuttgart ein. Vom Hotel Silber aus leitete er die Reorganisation der Polizei.

Die Amtsbezeichnung von Karl Weber lautete bis April 1946 Chef der deutschen Polizei der Stadt Stuttgart. Hauptaufgabe Webers war es, die Polizei als handlungsfähige Behörde zu erhalten – unter der Bedingung, dass innerhalb eines kurzen Zeitraums der größte Teil des Personals ausgetauscht wurde.

Von den 103 Beamten und Angestellten der Kriminalpolizei, die im Juli 1945 im Dienst waren, wurden in der Folge 98 auf Anordnung der Militärregierung entlassen. Als langjährige NSDAP- oder SS-Mitglieder kamen sie zunächst nicht in Frage, den angestrebten Neuanfang der Polizei zu gestalten. Stattdessen wurden neue Kräfte angeworben, die aber in der Regel keinerlei Erfahrung in der Polizeiarbeit mitbrachten.

Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg bot die Polizei auch jetzt wieder vielen ehemaligen Soldaten eine Beschäftigung. Aber auch aus den Reihen der von den Nationalsozialisten Verfolgten stießen einige zur Polizei. Sie wollten beim Aufbau einer demokratischen Polizei mitwirken.

Karl Weber, Polizeipräsident von April 1945 bis September 1948, bei einer Veranstaltung im Rahmen einer Verkehrserziehungswoche, Juli 1946

Organisation und Unterbringung

Auf Anordnung der Alliierten wurde die Polizei dezentralisiert. Das Stuttgarter Polizeipräsidium wurde dem Stuttgarter Oberbürgermeister unterstellt und war somit bis zur Verstaatlichung 1973 eine Kommunalbehörde. Es bestand aus den Hauptabteilungen Verwaltungspolizei, Schutzpolizei und Kriminalpolizei, die auf eine Vielzahl von Standorten in der Stadt verteilt waren.

Das Hotel Silber war anfangs Dienstsitz des Chefs der deutschen Polizei der Stadt Stuttgart. Auch Abteilungen der Verwaltungspolizei und der Schutzpolizei befanden sich dort. Von der Kriminalpolizei war anfangs lediglich der Bereitschaftsdienst im Erdgeschoss des Gebäudes untergebracht. Die anderen Abteilungen der Kriminalpolizei waren in der Christophstraße 11 einquartiert, wo auch der erste Leiter Ernst Lauer sein Büro hatte. Erst nach der Fertigstellung des Neubaus auf dem Fundament des westlichen Flügels und der Sanierung des östlichen Gebäudeteils zog die Kriminalpolizei ab 1947 schrittweise in das Hotel Silber. Der Polizeipräsident und die Präsidialabteilung erhielten im Juni 1946 einen neuen Dienstsitz in der Stafflenbergstraße 36.

Ernst Lauer, ab Juli 1945 Leiter der Kriminalpolizei in Stuttgart, undatiert

Die Rückkehr der Kriminalbeamten

Anders als die Gestapo wurde die Kriminalpolizei nach dem Ende des NS-Regimes nicht geächtet. Dazu hätte es allerdings einigen Grund gegeben. Die Kriminalpolizei war ein wesentliches Instrument der Verfolgungs- und Ausgrenzungspolitik der Nationalsozialisten gewesen. Was bei der Gestapo die „Schutzhaft“ gewesen war, hatte bei der Kriminalpolizei den Namen „polizeiliche Vorbeugehaft“ getragen. Mit ihr waren Menschen ohne richterlichen Beschluss oder die Möglichkeit des Einspruchs festgehalten und in Konzentrationslager gesperrt worden. Betroffen gewesen waren „Berufsverbrecher“, „Asoziale“, Homosexuelle sowie Sinti und Roma. Hinzu kam, dass die Kriminalpolizei zusammen mit der Gestapo einen Teil des Personals der Einsatzgruppen gestellt hatte, die in den besetzten Gebieten schwerste Verbrechen verübt hatten.

Letzteres spielte in den Spruchkammernverfahren überhaupt keine Rolle. Aber auch die Verfolgung im Rahmen der „polizeilichen Vorbeugehaft“ wurde kaum thematisiert. Ursache dafür war, dass die gesellschaftlichen Mechanismen der kriminalisierenden Stigmatisierung der Homosexuellen, der Sinti und Roma und der so genannten Asozialen das Ende des NS-Regimes schadlos überstanden hatten. Ihre Verfolgung wurde weiterhin nicht als Verbrechen wahrgenommen.

Anfang 1947 suchte der Personalprüfungsausschuss für das Polizeipräsidium nach einer Möglichkeit, die entlassenen ehemaligen Kriminalbeamten wieder in den Dienst übernehmen zu können. Dafür wurden vorläufige Arbeitsgenehmigungen bei der Militärregierung beantragt. „Diese Beamten sollen den jungen Beamten der Kriminalpolizei belehrend und beratend zur Seite stehen“, hielt Polizeipräsident Weber fest. Wer in seinem Spruchkammerverfahren als Mitläufer eingestuft worden war, hatte gute Chancen, bald darauf seinen Dienst im Hotel Silber aufnehmen zu können. Es waren also auch diese noch während der Weimarer Republik oder der NS-Zeit ausgebildeten Beamten, die den Personalstand der Kriminalpolizei von 125 im Jahr 1946 auf über 300 im Jahr 1949 anhoben.

Ab 1947 kehrten die auf Anordnung der Militärregierung entlassenen Kriminalbeamten in den Dienst zurück.
Artikel aus den „Stuttgarter Nachrichten“ zum Abschluss der Sanierung des Hotel Silber, 23. Januar 1954

Kontinuitäten

Personell bestand die Kriminalpolizei der NS-Zeit ab 1947 zu einem guten Teil fort. Von den im Jahr 1948 für die Kripo arbeitenden Beamten und Angestellten hatte etwa ein Drittel bereits vor 1945 Polizeidienst geleistet. Auch die Kriminalisierung von Homosexuellen, Sinti und Roma, „Asozialen“ oder von Frauen, die in Verdacht standen, eine Abtreibung vorgenommen zu haben, fand eine Fortsetzung. Dies zeigt freilich nicht nur eine jahrzehntelange kriminalpolizeiliche „Tradition“, sondern auch die Haltung der deutschen Mehrheitsgesellschaft vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik hinein. Es sollte noch lange dauern bis zur Abschaffung des Paragrafen 175, der Legalisierung der Abtreibung oder bis zur Einsicht, dass Obdachlosigkeit ein soziales Problem und nicht gleichbedeutend mit Kriminalität ist. Bis dahin bedeutete die Konfrontation mit der Kriminalpolizei aber häufig eine Bloßstellung, schikanöse Leibesvisitation und Haft.

Bezüglich der Verfolgung von homosexuellen Männern belegen Statistiken der Polizei einen exponentiellen Anstieg der bearbeiteten Fälle bis in die 1950er Jahre. Hatte die Dienststelle „Sitte“ 1948 noch 90 und 1949 noch 86 Fälle bearbeitet, waren es 1955 bereits 214.

Im Sommer 1951 erschütterte ein Skandal das Polizeipräsidium und die Kriminalpolizei: Die Münchner Illustrierte „Revue“ hatte unter der Überschrift „Gestapo-Methoden“ den Umgang mit Frauen angeprangert, die wegen des Verdachts, eine Abtreibung vorgenommen zu haben, verhaftet und im Hotel Silber gedemütigt und misshandelt worden sein sollten.

Homosexuelle, Sinti und Roma, „Asoziale“ oder Frauen, die in Verdacht standen, eine Abtreibung vorgenommen zu haben, wurden weiterhin kriminialisiert.

Neue Aufgaben und neue Gesichter

Es wäre falsch, das Polizeipräsidium und die Kriminalpolizei nach 1945 nur unter dem Blickwinkel von personellen, methodischen und ideologischen Kontinuitäten zur Zeit des Nationalsozialismus zu sehen. Es gab schon früh Ansätze, sich nicht nur von der Vergangenheit zu distanzieren, sondern auch aktiv nach NS-Verbrechern zu fahnden. Andere Einrichtungen wie die Spruchkammern wurden bei ihrer Arbeit unterstützt, um zumindest einigen Verfolgten des NS-Regimes zu ihrem Recht zu verhelfen.

Im Sommer 1945 wurde eine so genannte KZ-Prüfstelle aufgebaut. Sie stellte den aus den Lagern befreiten politischen Häftlingen „KZ-Ausweise“ aus und half ihnen beim Ausfüllen von Anträgen auf Wiedergutmachung. Die Mitarbeiter der KZ-Prüfstelle waren selbst aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt worden.

Das Informationsbüro, ebenfalls bei der Kriminalpolizei angesiedelt, wurde eigens eingerichtet, um die Staatsanwaltschaft und die Spruchkammern bei den Ermittlungen gegen NS-Verbrecher, ehemalige Gestapo- oder SS-Männer und andere Mitglieder der einstigen NS-Elite zu unterstützen.

So kam es, dass in den Jahren nach dem Ende des so genannten Dritten Reichs im Hotel Silber auch Männer und Frauen für die Kriminalpolizei arbeiteten, die noch wenige Jahre zuvor eben dort verhört und eingesperrt worden waren.

Einladung der Polizei für die befreiten politischen Häftlinge der Konzentrationslager, 5. Juni 1945

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