Direkt zur Hauptnavigation dem Inhalt oder zum Seitenfuß.

Kriminalbeamte begutachten einen anti-nationalsozialistischen Kreideschriftzug auf der Landstraße zwischen Ludwigsburg und Beihingen-Heutingsheim, August 1942

Rechnung für Stempel für die Außenstelle Ulm, Januar 1945

Organisation, Aufbau und Arbeitsalltag

Der organisatorische Aufbau der Geheimen Staatspolizei spiegelte ihre Aufgaben wider. Die einzelnen Abteilungen waren den tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden des NS-Staats und der propagierten Volksgemeinschaft zugeordnet.

Die Gestapo unterschied sich in ihrem inneren Aufbau nicht wesentlich von anderen Polizeien. Die Verwaltung kümmerte sich um den reibungslosen Geschäftsablauf, die Registratur um die anfallenden Akten und die Exekutive um die „Gegnerbekämpfung“. Die Zuständigkeit der einzelnen Referate der Exekutivabteilung verdeutlichte aber den Wandel von der Politischen Polizei der Weimarer Republik hin zur Geheimen Staatspolizei. Die Politische Polizei vor 1933 war mit Dienststellen wie Presse, Vereins- und Versammlungswesen und Spionageabwehr ausschließlich nach sachlichen Gesichtspunkten organisiert. Nach 1933 traten solche sachlichen Kriterien in den Hintergrund; sie wurden ergänzt oder ersetzt durch Referate, deren Zuständigkeit sich an vordefinierten Feindgruppen wie Kommunisten, Sozialdemokraten, Kirchen, Juden, Homosexuellen und später ausländischen Zwangsarbeitern orientierte.

Alle Ermittlungen, Anzeigen und Denunziationen wurden in einer zentralen Kartei erfasst. In ihr waren allein etwa 500.000 Personen registriert.

Der Personalbestand wuchs von etwa 200 im Dezember 1933 auf über 300 im September 1941 an. Dann sank er deutlich: Die zahlreichen Beamten und Angestellten, die für bestimmte Zeit zu den Dienststellen in den besetzten Gebieten kommandiert wurden, wurden nur selten ersetzt.

Die Gestapo war mit anderen Dienststellen und Gliederungen der NSDAP und des Staats auch personell verwoben. Weit über die Hälfte der Beamten und Angestellten der Gestapo waren Mitglieder in der SS. Dadurch wurden sie auch zu Angehörigen des Sicherheitsdiensts (SD), dem Geheimdienst der NSDAP bzw. der SS.

Die Zuständigkeit der Referate der Politischen Polizei bzw. der Gestapo orientierte sich nicht an Sachgebieten , sondern an vordefinierten Feindgruppen.

SS und Gestapo

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die SS schnell zum Synonym für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Die ehemaligen Angehörigen der Gestapo stellten ihren Beitritt zur SS daher häufig, nicht selten mit Erfolg, als entweder erzwungen oder automatisch vollzogen dar. Tatsächlich war die Mitgliedschaft aber zu jeder Zeit freiwillig. Zwar verfolgte Heinrich Himmler das Ziel einer Verschmelzung von SS und Polizei und sicherlich griffen Mechanismen des Gruppenzwangs. Letztlich aber blieb es die Entscheidung eines jeden Einzelnen, einer Organisation beizutreten, die wie keine andere für die Ideologie und Ziele des Nationalsozialismus und deren, wenn nötig gewaltsame Durchsetzung stand.

Die SS bemühte sich, möglichst viele Polizisten zum Beitritt zu bewegen. Dessen ungeachtet gab sie ihren Anspruch, ein Eliteorden mit entsprechend strikten Aufnahmekriterien zu sein, nicht grundsätzlich auf. Bewerber, die den Anforderungskatalog vor allem hinsichtlich „rassischer“ Merkmale nicht erfüllten, konnten weiterhin abgelehnt werden.

Ablehnung eines Aufnahmeantrags zur SS, 6. Mai 1940
Franz Arndt, 1938

„Geheime“ Staatspolizei?

Die Geheime Staatspolizei für Württemberg-Hohenzollern residierte mitten in der Altstadt Stuttgarts. Anschrift und Telefonnummer standen im Adressbuch. Sie war also mitnichten „geheim“ und sollte es auch nicht sein. Zum einen musste sie als Adressat für Anzeigen und Denunziationen gleichsam „öffentlich“ sein. Zum anderen konnte sie ihren ersten Zweck, die Überwachung und Disziplinierung der Bevölkerung und die Verfolgung von Gegnern, nur erfüllen, wenn von ihr eine Abschreckung ausging. Eine solche Abschreckung konnte sich nur entfalten, wenn die Tätigkeit und die (kaum beschränkten) Möglichkeiten der Gestapo jedermann bekannt waren. Dies galt im Übrigen auch für die anderen Instrumente des Repressionsapparats wie etwa die Konzentrationslager, die keineswegs völlig abgeschirmte Orte waren.

Dem persönlichen Umfeld der Beamten und Angestellten der Gestapo war in der Regel bekannt, wo diese arbeiteten. Auch die Decknamen, die zumindest die Mitarbeiter der Exekutivabteilungen trugen, dürften im Dienstalltag eine untergeordnete Bedeutung gehabt haben. Bei der Führung der V-Leute und Spitzel galten dagegen strengere Regeln hinsichtlich der Geheimhaltung. Für Treffen mit den Informanten mietete die Gestapo eigens konspirative Wohnungen an, um die Identität der V-Leute zu schützen.

Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung hatte die Gestapo keine eigene Uniform. Meist trugen ihre Angehörigen Zivil. Wenn Angehörige der Gestapo auf historischen Fotos oder in Filmen Uniform tragen, so sind dies in der Regel Uniformen der SS oder des SD. Auch der berüchtigte Ledermantel oder „Gestapo-Mantel“ gehörte keineswegs zur Ausstattung. Durch Spielfilme und Literatur wurde diese Vorstellung in der Nachkriegszeit hervorgebracht.

Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung hatte die Gestapo keine eigene Uniform. Meist trugen die Mitarbeiter Zivil.

Wege zur Gestapo

Rund die Hälfte der Mitarbeiter der Gestapo waren ausgebildete Polizisten mit einer Beamtenlaufbahn und festen Ausbildungswegen. Viele von ihnen waren schon vor 1933 bei der Politischen Polizei gewesen. Andere hatten sich um eine Verwendung bei der Politischen Polizei bzw. der Gestapo beworben. Als Beamte konnten sie „von Amts wegen“ versetzt werden; allerdings besaßen sie das Recht und auch die Möglichkeit, durch Bewerbungen, Einsprüche und persönliche Beziehungen Einfluss darauf zu nehmen.

Die andere Hälfte der Mitarbeiter, die Angestellten, kam auf unterschiedlichen Wegen zur Gestapo. Anfangs stellten die Hilfspolizisten einen großen Teil der Angestellten. Anders als sie vielleicht 1933 erwartet hatten, blieb der übergeordnete alteingesessene Beamtenapparat aber weitgehend unverändert und versperrte ihnen den weiteren Aufstieg. Viele von ihnen kündigten und kehrten in ihren erlernten Beruf zurück. Sie wurden von Männern und Frauen mit unterschiedlichsten Hintergründen und beruflichen Ausbildungen ersetzt. Die Politische Polizei bzw. Gestapo rekrutierte diese durch Ausschreibungen, Anzeigen oder einfach durch persönliche Vermittlung. So wurden auch Ehefrauen, Geschwister oder andere Verwandte zur Gestapo geholt. Die neuen Angestellten leisteten eine Probezeit ab und konnten sich durch Lehrgänge weiterbilden. Die Sicherheitspolizei und der SD unterhielten in Pretzsch an der Elbe und ab 1941 in Fürstenberg in Mecklenburg eigene Schulen, um Personal für ihre Dienststellen zu qualifizieren.

Ab 1936 wurden im Deutschen Reich die Arbeitskräfte knapp. Um den Bedürfnissen der Rüstungsindustrie und der Wehrmacht gerecht zu werden und die vorhandenen Arbeitskräfte nach staatspolitischen Gesichtspunkten einsetzen zu können, schränkte die Reichsregierung die freie Arbeitsplatzwahl ein. Ab 1938 konnten Männer und Frauen „zur Sicherstellung des Kräftebedarfs für Aufgaben von besonderer staatspolitischer Bedeutung“ dienstverpflichtet werden. Das zuständige Arbeitsamt vermittelte sie in einem solchen Fall. Allerdings gab es auch gegen diese Notdienstverpflichtungen ein Widerspruchsrecht.

Vor der Aufnahme in die Gestapo war zwar eine politische Überprüfung der Kandidaten vorgesehen, sie erschöpfte sich aber in der Regel mit der Einholung von Informationen etwa bei der entsprechenden NSDAP-Ortsgruppe.

So unterschiedlich die Wege zur Gestapo waren, so wenig sagen sie allein darüber aus, wie die Haltung des Einzelnen zu seiner Tätigkeit und seinem Arbeitgeber aussah. Eine Versetzung „von Amts wegen“ war ebenso wenig selbstredend eine „Versetzung wider Willen“ wie eine Notdienstverpflichtung bedeutete, dass der Betroffene nicht Gefallen an seiner Arbeit und der Macht über andere Menschen fand.

Abschrift der Notdienstverpflichtung von Wilhelm Schießle, 5. Juli 1941

Arbeitsalltag

Die Kriminalisten der Gestapo wurden in der Regel aufgrund von Anzeigen und Denunziationen oder Hinweisen von V-Leuten aktiv. Diesen gingen sie mit kriminalistischen und kriminaltechnischen Untersuchungsmethoden nach. Zunächst wurde das eigene Kartei-System nach Informationen befragt. Es folgten Vernehmungen der Verdächtigen, der Nachbarn oder Arbeitskollegen, Hausdurchsuchungen und gegebenenfalls kriminaltechnische Untersuchungen.

Dieses Vorgehen war allerdings nur scheinbar „normal“. Der Handlungs- und Ermessensspielraum der Gestapo-Mitarbeiter bei den Ermittlungen sowie bei der Strafbemessung war so groß und so wenig fixiert, dass die Verdächtigen keine Möglichkeit hatten, sich auf ein Recht zu berufen. Sie waren dem Gestapo-Apparat im wörtlichen Sinne ausgeliefert. So konnte die Gestapo etwa die Untersuchungshaft auch ohne konkrete Anklage auf Wochen und Monate ausdehnen. Bei den Verhören wandten die Kriminalisten Misshandlungen und Folter an.

Hatte sich der ermittelnde Gestapo-Mitarbeiter ein Urteil gebildet, so konnte er ganz unterschiedlich vorgehen. Er konnte den Fall ungeahndet lassen, etwa wenn sich herausgestellt hatte, dass eine Denunziation lediglich einen Nachbarschaftsstreit zum Hintergrund hatte. Er konnte eine Verwarnung aussprechen oder den Fall mit einem Ermittlungsbericht an die Staatsanwaltschaft abgeben. Ferner konnte er beim Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin „Schutzhaft“ beantragen; für den Verdächtigten bedeutete dies die Einweisung in ein Konzentrationslager ohne richterliche Prüfung oder die Möglichkeit einer Beschwerde. 

Bei den Ermittlungen sowie bei der Strafbemessung hatten die Gestapo-Mitarbeiter einen großen Handlungs- und Ermessensspielraum.

nach oben

Diesen Artikel teilen: