Direkt zur Hauptnavigation dem Inhalt oder zum Seitenfuß.

Theodor Dipper – Redeverbot gegen einen evangelischen Pfarrer

Am 16. Dezember 1937 schickte der Leiter der Staatspolizeileitstelle Stuttgart Joachim Boës einen nur wenige Zeilen langen Brief an Theodor Dipper. Mit sofortiger Wirkung erteilte er ihm ein Rede- und Predigtverbot.

Dipper war im Januar 1903 als Sohn eines Pfarrers in Unterheinriet bei Heilbronn geboren worden. Nach dem Studium in Tübingen hatte er 1930 die Pfarrstelle in Würtingen übernommen. Dipper hatte sich stark für die Bekennende Kirche engagiert, die sich als Opposition zur Deutschen Evangelischen Kirche verstand. Die Deutsche Evangelische Kirche war als Vereinigung der Landeskirchen ab 1933 zunehmend unter den Einfluss der Deutschen Christen geraten, die sich an der Ideologie und dem Führerprinzip des Nationalsozialismus orientierten.

1935 hatte Dipper in den Evangelischen Gemeindedienst gewechselt und sich dort mit programmatischen Schriften und Reden für die Bekennende Kirche exponiert. Als die NS-Regierung Anfang 1937 eine Kirchenwahl angekündigt hatte, hatte sich die Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen verschärft. Am 10. Oktober hatte Dipper einen Vortrag in Heilbronn gehalten, in dem er den NS-Ideologen Alfred Rosenberg indirekt angriffen hatte. Welche Bedeutung der Redner in den Augen der Gestapo besaß, beweist die Tatsache, dass diese die Überwachung des Vortrags nicht der Außendienststelle Heilbronn überlassen, sondern eigens einen Mitarbeiter des Sachgebiets II B 1 für kirchliche Angelegenheiten aus Stuttgart geschickt hatte. Zwei Monate später erging das Rede- und Predigtverbot.

Da dem Rede- und Predigtverbot keinerlei Begründung beigegeben war, begab sich Dipper zum Hotel Silber in Stuttgart und verlangte eine Erklärung. Noch am selben Tag schickte er auch einen Protestbrief an die Gestapo: „Sie haben mir mit Ihrer Verfügung die Verkündigung des Wortes Gottes verboten. Diese Verkündigung aber ist mir als Prediger des Wortes Gottes befohlen. In meinem Ordinationsgelübde habe ich vor Gott und der christlichen Gemeinde gelobt, dieses Amt redlich auszurichten. Von dieser Verpflichtung kann mich kein Mensch entbinden“.

Auch Dutzende Kollegen Dippers schrieben an die Gestapo im Hotel Silber und forderten eine Aufhebung des Redeverbots. Die Proteste hatten zumindest dahingehend Erfolg, dass das Redeverbot auf den Stadtkreis Stuttgart beschränkt wurde und Dipper eine Pfarrstelle in Reichenbach an der Fils übernehmen konnte.

Schon ein Jahr später kam es zu einer erneuten Konfrontation zwischen Dipper und der Gestapo. Dipper nahm Emma Schwille bei sich auf und bemühte sich zusammen mit Kollegen darum, den von der NSDAP-Ortsgruppe verhängten Boykott gegen den Kolonialwarenladen der Familie Schwille in Neckartailfingen zu durchbrechen. Mutter und Tochter Schwille hatten am 10. April 1938 bei der „Abstimmung“ über den so genannten Anschluss Österreichs und den Deutschen Reichstag mit „Nein“ gestimmt. Diese Wahl war trotz der Beteuerungen der NS-Propaganda keineswegs geheim gewesen über die Familie Schwille war eine Flut von Beschimpfungen und Drohungen hereingebrochen. Ihr Haus war mit dem Wort „Volksverräterinnen“ beschmiert worden. Die Tochter hatte ihre Arbeit verloren und über das Geschäft war ein inoffizieller Boykott verhängt worden.

Die Gestapo verhaftete Dipper am 15. Dezember 1938. Am 3. Januar 1939 wurde er in das „Schutzhaftlager“ Welzheim überführt, wo er mehrere Wochen in Haft blieb.

Während des Kriegs hatte Dipper großen Anteil an der Organisation der „Württembergischen Pfarrhauskette". Die über vierzig Pfarrhäuser und andere Vertraute umfassende Geheimorganisation versteckte Juden und andere Verfolgte. Diese wurden in den Pfarrhäusern jeweils für einige Zeit aufgenommen und dann zur nächsten Station geschleust. Gegenüber Neugierigen behauptete man, die Fremden seien entfernte Verwandte oder Freunde, die ausgebombt worden waren.

Im Jahr 2008 wurden Theodor Dipper und seine Frau Hildegard posthum vom Staat Israel, sicher auch stellvertretend für die anderen Mitglieder der „Württembergischen Pfarrhauskette", als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Anmerkung: Die Mitarbeiter des „Kirchen“-Sachgebiets II B 1 (später IV 4a) hatte ihre Büros gleich neben denen des so genannten Judenreferats im Dachgeschoss.

Die Familie Dipper (rechts außen Theodor Dipper), März 1930
Die Gestapo nahm Theodor Dipper in „Schutzhaft". Während des Kriegs versteckten Dipper und seine Frau zusammen mit Kollegen Juden und andere Verfolgte.

Kurzbiografie Theodor Dipper

  • geboren am 20. Januar 1903 in Unterheinriet, Kreis Heilbronn
  • Abitur, Studium in Tübingen
  • 1925 erstes Dienstexamen
  • 1929 zweites Dienstexamen
  • 1930 bis 1935 Pfarrer in Würtingen
  • 1934 Mitbegründer der Bekennenden Kirche in Württemberg
  • 1935 Evangelischer Gemeindedienst
  • 16. Dezember 1937 Rede- und Predigtverbot durch die Staatspolizeileitstelle Stuttgart
  • 1938 Pfarrer in Reichenbach an der Fils
  • am 15. Dezember 1938 Verhaftung durch die Gestapo, Inhaftierung u.a. im „Schutzhaftlager“ Welzheim
  • Während des Zweiten Weltkriegs Mitorganisator der „Württembergischen Pfarrhauskette"
  • 1945 bis 1959 Dekan des Kirchenbezirks Nürtingen
  • 1959 bis 1969 Dekan des Kirchenbezirks Ludwigsburg
  • am 20. August 1969 starb Dipper
  • 2008 posthum Auszeichnung von Theodor und Hildegard Dipper als „Gerechte unter den Völkern“

nach oben

Diesen Artikel teilen: