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Walter Marx – Eine jüdische Familie und das Hotel Silber

Hermann G. Abmayr Filmproduktion, Mai 2013

Am 17. Februar 1940 bestieg Walter Marx am Stuttgarter Hauptbahnhof einen Zug nach Genua. Von dort aus sollte ihn ein Schiff nach New York bringen. Der 14-Jährige trat die Reise alleine an, ohne seine Familie. Außer ihm befanden sich nur drei weitere Kinder auf dem „Kindertransport“ in die USA. So gesellte sich zur Schwere des Abschieds auch ein Hauch von Neugierde und Abenteuerlust.

Für die besorgten Eltern Liddy und Julius Marx gab es keine derartige Ablenkung. Das Wegschicken ihres minderjährigen Sohnes in ein fernes und unbekanntes Land war Ausdruck ihres Gefühls der Ausweglosigkeit und Bedrohung, das sie als Juden in Deutschland ergriffen hatte. Entrechtung und Schikanen hatten dazu geführt, dass sie in der Trennung von ihrem Sohn mehr Hoffnung als Verlust sahen. Und so hatten sie die Gelegenheit genutzt, als die amerikanische Regierung ohne Berücksichtigung der regulären Einwanderungsquote ihre Grenzen für eine begrenzte Anzahl von jüdischen Kindern aus Deutschland öffnete. Ihre älteste Tochter Sofie besuchte bereits seit Mai 1937 ein Internat in England. Sie selbst sollten New York erst am 12. September 1941 nach langer und strapazenreicher Überfahrt mit dem völlig überfüllten Flüchtlingsschiff „SS Navemar" erreichen.

Die Bedrohung für die Familie Marx ging zu einem großen Teil vom Hotel Silber und dem so genannten Judenreferat der Gestapo aus. An eine besonders harte Schikane gegen die jüdische Gemeinde erinnert sich Walter Marx auch über 70 Jahre später noch lebhaft: Am 23. September 1939 hatte die Gestapo die Abgabe aller Radiogeräte in jüdischem Besitz angeordnet. Die polizeiliche Verordnung war während des Gottesdiensts zum Versöhnungstag (Jom Kippur) verlesen worden, der dem Fasten und Beten vorbehalten ist. Doch anstatt den höchsten jüdischen Feiertag im Kreise der Familie zu verbringen, hatte sich Walter Marx mit dem Familienradio auf den Weg von Cannstatt nach Stuttgart machen müssen. Auf dem etwa fünf Kilometer langen Fußmarsch zur Gestapo hatte er versucht, „die neugierigen und stierenden Blicke und das höhnische Gelächter der Passanten“ so gut es ging zu ignorieren (Marx 2013, S. 66).

Als Verantwortliche der „Jüdischen Mittelstelle" mussten auch zwei Onkel von Walter Marx, Karl Adler und Alfred Marx, regelmäßig im Hotel Silber vorsprechen. Nur so konnten sie Anliegen der jüdischen Gemeinde vor den Mitarbeitern des „Judenreferats“ verteidigen.

Karl Adler emigrierte im November 1940 mit seiner Frau in die USA und wurde in seiner Funktion als Mittelsmann zwischen der jüdischen Gemeinde und den Behörden der Nationalsozialisten von seinem Schwager Alfred Marx abgelöst. Nach Kriegsende besuchte er seine alte Heimat mehrmals. Er korrespondierte mit vielen Überlebenden und führte briefliche Auseinandersetzungen um Verantwortung, Schuld und Sühne mit Walter Baach, der von 1933 bis 1939 bei der Politischen Polizei bzw. der Gestapo für ihn zuständig gewesen war. Alfred Marx wurde im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Nach dem Krieg kehrte er bald nach Stuttgart zurück, wo er als Landgerichtsrat arbeitete. Als Kläger bei Spruchkammerverfahren traf er viele ehemalige Gestapo-Mitarbeiter wieder.

Auch von seinen zwei Onkel erzählt Walter Marx in dem hier präsentierten Kurzfilm, der während seines Besuchs in Stuttgart im Frühjahr 2013 entstand.

Weitere Infos

Marx, Walter: Zerrissene Jugend. Verlorene Heimat und neue Welt. Nürtingen/Frickenhausen 2013.

Werner, Manuel: Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg. Mit den Lebenserinnerungen von Walter Marx. Nürtingen/Fricken-hausen 2005.

Walter Marx, um 1937

Kurzbiografie Walter Marx

  • geboren am 30. September 1925 in Stuttgart-Berg
  • Kindheit in Neuffen
  • Besuch der Realschule in Neuffen
  • von April 1938 bis März 1939 Besuch der jüdischen Internatsschule in Herrlingen
  • 1939 Umzug nach Cannstatt
  • am 17. Februar 1940 Ausreise aus Deutschland, zwei Tage später Abreise aus Genua
  • am 29. Februar 1940 Ankunft in New York
  • Unterbringung in Pflegefamilien in Chicago
  • am 12. September 1941 Ankunft der Eltern Liddy und Julius Marx sowie des jüngeren Bruders Michael in New York, Ende Juni 1942 Familienzusammenführung in Buffalo
  • Abschluss an der Lafayette Highschool in Buffalo
  • ab dem Sommersemester 1942 Studium an der Universität in Buffalo
  • im Dezember 1943 Einberufung zur amerikanischen Armee
  • im Februar 1944 Antritt des Militärdiensts
  • im November 1944 Stationierung in England, ab Dezember 1944 Einsatz an der Front in Frankreich
  • nach Kriegsende Stationierung in Salzgitter, Freyung (Oberbayern) und Linz
  • im April 1946 Rückkehr in die USA
  • 2005 Erscheinen seiner Lebenserinnerungen in dem Buch „Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg"
  • 2013 Erscheinen seiner Autobiografie „Zerrissene Jugend. Verlorene Heimat und neue Welt“, Besuch und Buchvorstellung in Neuffen und Stuttgart
  • am 15. Januar 2014 starb Walter Marx in New York
Reisepass von Walter Marx, 1940

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