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Karl Dobritz, zum Tode verurteilter stellvertretender Leiter der Kripo

Am 26. Februar 1952 brachte die „Stuttgarter Zeitung“ eine Meldung aus Frankreich: „Todesurteil gegen Stuttgarter Kriminalbeamten“. Das Militärgericht in Metz habe den kommissarischen Leiter der Stuttgarter Kriminalpolizei in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Die Urteilsbegründung war nicht bekannt und so begannen die Spekulationen. Dobritz selbst versicherte, von dem Urteil aus der Zeitung erfahren zu haben und vom französischen Gericht nicht vorgeladen worden zu sein.

Die „Stuttgarter Zeitung“ stellte einen Zusammenhang mit Dobritz´ Verwendung als Kriminalbeamter beim BdS Brüssel bzw. der Außenstelle in Lille in den Jahren 1940 bis 1944 her. Er sei selbst wohl nicht belastet, habe aber als Leiter der Außenstelle Verbrechen von Untergebenen zu verantworten.

Die Verwaltungsabteilung des Stuttgarter Gemeinderats trat noch am 26. Februar zusammen, um die Causa Dobritz zu beraten. Vorbehaltlos stellte sich Oberbürgermeister Klett vor Dobritz. Die Stadträte der SPD konnten sich mit ihrem Antrag, Dobritz bis zur Klärung des Sachverhalts zu suspendieren, nicht durchsetzen.

In den folgenden Tagen und Wochen griffen Zeitungen das Thema immer wieder auf. Carlo Schmid, 1952 Bundestagsabgeordneter der SPD und während des Zweiten Weltkriegs Kriegsverwaltungsrat in Lille, nannte das Urteil grotesk und bescheinigte Dobritz, dort Leiter einer „normalen Polizeidienststelle“ gewesen zu sein. Darüber hinaus geschah nichts.

Möglicherweise hätten sich die SPD-Stadträte mit ihrer Forderung nach Suspendierung mehr Gehör verschaffen können, wenn bekannt gewesen wäre, dass Dobritz bereits 1939 von der Kriminalpolizei zur Gestapo gewechselt war: Im September war er zur Staatspolizeistelle Trier abgeordnet worden. Auch Schmids Einschätzung ist fragwürdig. Sehr wahrscheinlich war Dobritz zwischen Januar 1943 und Mai 1944 Leiter der Gestapo-Außenstelle in Lille gewesen, für die die Bezeichnung „normale Polizeidienststelle“ mehr als beschönigend ist. All dies hatte Dobritz nach dem Krieg und insbesondere in seinem Spruchkammerverfahren verschwiegen.

Dobritz blieb bis zu seinem Ruhestand 1959 auf seinem Posten. Als der Stuttgarter Gemeinderat im Sommer 1952 einen neuen Chef für die Kriminalpolizei suchte, wurde Dobritz allerdings übergangen. Einen zum Tode Verurteilten wollte man dann wohl doch nicht in eine solch exponierte Stellung heben. Aber auch die französischen Stellen verfolgten die Sache offenbar nicht weiter. Von einem Auslieferungsantrag etwa ist bisher nichts bekannt.

Karl Dobritz, undatiert

Kurzbiografie Karl Dobritz

  • geboren am 30. Juli 1897 in Stuttgart
  • 1913 Mittlere Reife und Beginn einer Ausbildung zum staatlichen Notariatsdienst
  • von 1916 bis 1919 Militärdienst
  • 1921 staatliches Notariatsexamen
  • 1922 Eintritt in das Landespolizeiamt (ab 1923 Stuttgarter Polizeipräsidium), nach kurzer Einarbeitung Leitung des Fahndungsdiensts innerhalb der Abteilung N (Nachrichtendienst), aus der die Politische Polizei hervorging
  • später auch Dienst in anderen Abteilungen der Kriminalpolizei
  • 1928 Ernennung zum Kriminalinspektor
  • 1937 politische Beurteilung: Dobritz sei weder ein überzeugter Nationalsozialist noch ein Gegner , sondern politisch eher in der Nähe des ehemaligen Zentrums zu verorten
  • 1939 Ernennung zum Kriminalkommissar
  • im September 1939 Abordnung zur Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Trier
  • im Oktober 1940 Abordnung zum BdS Brüssel
  • von Januar 1943 bis Mai 1944 sehr wahrscheinlich Leiter der Gestapo-Außenstelle in Lille
  • im September 1944 Rückkehr zur Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart
  • im August 1945 Entlassung aus dem Polizeidienst
  • im April 1948 Einstufung als „Mitläufer“ im Spruchkammerverfahren
  • im Juni 1948 Wiedereinstellung als Kriminalinspektor beim Stuttgarter Polizeipräsidium, Leitung einer Inspektion
  • von August 1949 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1959 stellvertretender Leiter der Stuttgarter Kriminalpolizei, zuletzt Kriminalrat
  • gestorben am 2. Februar 1975
  • Beitritt zur NSDAP 1933

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